Galerie Meinhold                                                                                 Ausstellung
                         
 Anna Holldorf                                          
 "körperfluchten" -  Malerei 2002/2003
  Ausstellung: 16.5. - 25.6.2003

Presse


DIE WELT      Freitag,  27. Juni  2003

Literatur, Materialität, Spiritualität

Ihr Thema sind "Körperfluchten": 
Ein Interview mit der Berliner Malerin Anna Holldorf

DIE WELT: Ist das Zusammenspiel von Farbe, Form und Sprache für sie von besonderer Bedeutung?
Anna Holldorf: Ich habe angefangen, lyrische Fragmente für die Titel meiner Bilder zu benutzen. Die in Lausanne lebende Lyrikerin Lioba Happel kenne ich seit 1996. Ich habe sie angeschrieben und gefragt, ob sie Lust hätte an einem gemeinsamen Projekt zum Thema "Verwandlung". Sie hat sofort mit einem Schreibschub auf meinen neuen Bilderzyklus reagiert, was sicher damit zu tun hat, dass wir bestimmte Erfahrungen, die mit dem Schmerz oder Schmerzüberwindung zu tun haben, teilen.

DIE WELT: Mit "Körperfluchten" assoziiert man das Bedürfnis, den eigenen Körper verlassen zu wollen.
Holldorf: Das ist extrem formuliert, aber es trifft den Kern. Wobei das Extreme in der Abstraktion liegt. Die Körperlichkeit, die Figürlichkeit, entwickelt sich über die Form. Während des Malens entsteht dann die Vorstellung von anderen Sphären. Der Wunsch, nicht über den Körper zu existieren, konkretisiert sich bildnerisch und geht einher mit der Entdeckung neuer Wahrnehmungsbereiche. Andererseits beinhalt das Zurück zu Figürlichkeit für mich den Anspruch, meinen Körper selbst wieder in Besitz zu nehmen und mit damit einen neuen Zutritt zur Welt zu schaffen.


Anna Holldorf im Atelier   FOTO: ZOE ZOFF

DIE WELT: Sie sprechen von einer Art Pendelverkehr zwischen geistigen und physischen Sphären?
Holldorf: Ich spreche davon, vielleicht wieder zusammenfügen zu können, was einmal in die Brüche gegangen ist.

DIE WELT: Ihre Arbeiten sind aber frei von esoterischen Bemühungen.
Holldorf: Meine Geschichte und ihre Verarbeitung fanden immer statt auf dem Weg der Kunst. Es gibt bei mir sicher eine starke Anlehnung an C. G. Jung und seine Archetypen, mit denen ich mich aber weniger psychologisierend auseinander gesetzt habe.

DIE WELT: Die Malerei als Substitut für Psychotherapie?
Holldorf: Mag sein. Jedenfalls als auratische Erweiterung meiner Art zu sehen.

DIE WELT: Ihre Darstellungsweisen provozieren nicht mit den Attributen oder den Symbolen von Weiblichkeit.
Holldorf: Wer das tut, riskiert der Verlust seiner Persönlichkeit. Die Auseinandersetzung mit sich selbst kann auch im Stillen verlaufen, auch wenn das nicht gerade im Trend liegt. Ich bin auf der Suche nach den Symbolen, die uns verloren gegangen sind. Die Malerei kann einen sehr starken psychischen Rückhalt bieten, und das ist ein unbewusster Prozess der Bereitschaft, etwas zuzulassen. Sie kann einen aber auch umwerfen, wenn man in sich nicht klar ist. Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbst als Malerin verläuft bei mir eher nach innen gerichtet als dramatisch nach außen hin.

DIE WELT: Ihre Malerei erzählt auch von der Weigerung, sich mit der "Muttertier"-Rolle zufrieden zu geben.
Holldorf: Es geht mir um das innere Bild. Ich bin der Materialität verbunden, auch wenn ich meditativ versunken arbeite. Ich versuche, mit der Materialität auszudrücken, was ich während des Malens nicht sofort in Worte fassen kann und der Betrachter nicht sofort abhaken kann. Auf der anderen Seite kann er erkennen, worum es geht. ich suche, gestalte, überlagere so lange, bis ich mein inneres Bild nach außen transportieren kann. Als Mutter kann ich sagen, dass ich künstlerisch gereift bin durch die Geburt: Da wird eine Schmerzgrenze durchbrochen, die wegweisend ist, weil sie gleichermaßen für die Nähe zu Leben und Tod steht.

DIE WELT: Sie sprechen von der Nähe zur Materie und ihrer Überwindung?
Holldorf: Ganz genau. Und für mich ist es nach wie vor ein erstaunlicher Prozess im Umgang mit Materie, mit Materialien, in geistige Sphären vorzudringen. Das ist meine Auseinandersetzung mit Spiritualität.

Die Fragen stellte Zoë Zoff