Galerie Meinhold & Reucker                     Ausstellung
                         
Ottjörg A.C.,  Stephan Voigtländer
"Über die Leichtigkeit" -  Zeichnung und Skulptur
Ausstellungsdauer:  21.1.- 8.3.2005

Presse


DIE WELT      Freitag,  28. Januar  2005

Immer in Bewegung
Der Konzeptkünstler Ottjörg A. C. erkundet die Welt zeichnerisch

VON CORINNA DANIELS

Auf die Idee muß man erst mal kommen: Ottjörg A. C. zeichnet Rindviecher rund um den Globus. Denn der Künstler hat beobachtet, daß die Tiere sowohl aus dem hiesigen Alltag als auch aus der künstlerischen Tradition verschwinden. Eine Milchtüte mit Disney-Rind inspirierte ihn, nach der Urkuh zu suchen. In China und Brasilien zunächst, Afrika, Indien und die USA sollen folgen.
  Von seinen zahlreichen Reisen hat der Nomade mit Heimathafen in Berlin und der Mark Zeichnungen mitgebracht. Sie werden in der Galerie Meinhold & Reucker gezeigt. Beim Anblick starker Stierköpfe in Serie, die in erdigen Tönen hauchzart aufs Papier getuscht sind, fallen sublime Farbnuancen auf. Diese ergeben sich aus der unterschiedlichen Zusammensetzung der Erde in den verschiedenen Ländern.
  Mit Acryl gebunden ist Mutter Natur nun unauffälliger Bestandteil der Kunst. Das Projekt mit dem Namen "Existiermale" wird über die aktuelle Ausstellung hinaus noch fortgesetzt. Angelegt auf acht Jahre, soll es einmal im Rahmen einer Installation die verschiedenen Lebenswelten der Rinder präsentieren. Ottjörg A. C., der seinen Nachnamen nicht preisgeben will, denkt konzeptuell.

   Auch sein früheres Projekt, "Existentmale", das Christine Reucker und Harald Meinhold beim ersten Berliner Kunstsalon im vergangenen Herbst parallel zum Art Forum vorstellten, ist konzeptionell angelegt. Ottjörg A. C. sammelte zerkratzte U-Bahn-Scheiben in 14 Metropolen der Welt und nahm Radierungen von den Scratchings der anonymen Großstadtkids, die sich hiermit ähnlich dem Künstler eine mediale Existenz schufen, allerdings nur illegal.


Lernt jetzt Chinesisch: Der Maler Ottjörg A.C.
                           
FOTO: FRANK WEGNER

   Auf ganz legalem Wege war es gar nicht so leicht, die Scheiben zu bekommen, erzählt der Künstler. Eine lange Korrespondenz mit den Bahn-Verantwortlichen war nötig. Sie lieferte aufschlußreiche Einblicke in die Strukturen der einzelnen Länder. Italien ließ sich die ausrangierten Scheiben bezahlen. In Frankreich verweigerte die Gewerkschaft ihrer Klientel die Mitarbeit am Kunstprojekt.
   In der jetzigen Ausstellung werden allerdings andere grafische Arbeiten gezeigt. Es sind dezent farbige Lithographien mit menschlichen Motiven, die stark abstrahiert und in Bewegung aufgelöst sind. Dem dichten Wirrwarr an Strichen steht die klare Reduziertheit und Beschränkung auf wenige Linien bei den Zeichnungen gegenüber. Eine ganze Wand füllen 80 kleine Schwarz-Weiß-Tuschezeichnungen.
   Hier hat der Künstler, der ursprünglich Bildhauerei bei Alfred Hrdlicka in Wien studierte und dann bei Rolf Szymanski an der Berliner UdK abschloß, sich dem Thema Tanz gewidmet. Blitzschnell bannte er mit seinem chinesischem Pinsel einen Modern Dancer in fragmentarischen Zeichen aufs Papier. "Es geht um das Nachempfinden der Figur in Bewegung", erläutert der 46-Jährige, der selbst ständig in Aktion ist. Ein bewegtes Leben mit Drang in die Ferne zeugt davon.
  Bevor der gebürtige Heidelberger zum freischaffenden Künstler wurde, erkundete er die Berliner Hausbesetzerszene und das Tischlerwesen. Als Nächstes plant er wieder eine China-Reise. In Peking stellte A. C. jüngst als einziger Deutscher im "White Space" von Alexander Ochs zusammen mit acht chinesischen Künstlern aus, die alle in Deutschland studiert haben.
   "Der Kunstmarkt explodiert in China, aber gefragt ist nur chinesische Kunst, vor allem Malerei. Über Auktionen läuft viel, das Galeriewesen ist nicht so richtig ausgeprägt", berichtet der Künstler, der von den rasanten Veränderungen im Land beeindruckt ist. Gerade wurde er gefragt, ob er für die Kunstakademie in Kanton als Lehrer tätig werden wolle.
   Demnächst steht deshalb ein Intensiv-Sprachkurs Chinesisch an. So könnte es noch in diesem Jahr sein, daß dieser umtriebige Berliner Konzeptkünstler, der 1989 bereits erstmals in China ausstellte, sein Bündel schnürt und sich wieder aufmacht, um in der weiten Welt nach Chiffren tierischer und menschlicher Existenz zu suchen.
   Die Preise für die Tuschezeichnungen, Radierungen und zeichnerisch überarbeiteten Fotografien von Ottjörg A. C. liegen zwischen 200 und 450 Euro; Holzskulpturen und Bronzeplastiken von Stephan Voigtländer ergänzen die Ausstellung. Sie kosten rund 2400 Euro.

Galerie Meinhold & Reucker, Giesebrechtstr. 2, Charlottenburg; Bis 1. März. Öffnungszeiten: Di-Fr 14-19, Sa 12-16 Uhr.