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Oskar Pastior
mein holdes galerie- und galli-finissagegedicht
1

Lesung des Dichters bei der Finissage der Ausstellung  
Galli „Arbeiten auf Papier - Plastische Collagen“ 
Galerie Meinhold, Berlin,  24.1.2003
 

guten abend!

mein holdes galerie- und galli-finissagegedicht ist aber gar nicht weise.

Klopfgeräusche „alla fratta" / oder titel-mischkulanz (collage- technik) frisch vom hocker (cockney-bockig) und mit eutern da von theben/winterfeld bis polyphem o.t. (ohne trikot) haben mich geteppicht und bezirzt / bewogen, zu beginn doch auch einiges für galli extra aus den gedichtgedichten ausgesuchtes (mehr-schichtig ausgefuchstes zu lesen - nach dem motto „früher drunter / weiter-näher / döner-scherer- köphte-plaka-eher-uhu"; bzw. „a-kryl / b-kryl / ze-phir / de-sastruös-trophal bis el-em-en-toupet . . ." bzw. noch beziehungsweiser heute zum Geburtstag auch (wie Galli mir geflüstert hat) Veidt Edeltraud, der Freundin  2

denn schon

das fahrstuhlgedicht besteht aus einem stück packpapier es wird dreimal geknickt einmal geklebt und mit der schere an beiden enden geschnipselt der erkennt­niswert der herstellung ist klein im vergleich zu jenem des umgangs der ja im fahrstuhl erfolgt dazu werden noch ein stück bindfaden ein feldstecher und 1-2 zeugen benötigt ist der fahrstuhl in fahrt so sind auch das stück packpapier das stück bindfaden der feldstecher und die 1-2 zeugen in fahrt auf diese weise geht nichts verloren im gegenteil außenstehende gewinnen den eindruck einer kunstidee während die zeugen bestäti­gen dass von KEINEM DRACHEN die rede sei.
                                                    GG 78 3

nein, eher von Brasilianischem Hochbarock, von einer pizza mit eichenlaub und blockflöte oder "vom recht auf verkommenheit", meint galli, obsttütig angestachelt, ein „ganz besonders schönes blatt", irgendwie dreidimensional, ich will es jetzt ebenfalls  beschreiben:

                                      das 3 D-gedicht 2

das dreidimensionale gedicht ist ein unikat es befindet sich im seitentrakt der nationalbibliothek zu upsala  und darf nur von hochversicherten besichtigern be­sichtigt werden der einlaß erfolgt paarweise die be­sichtiger werden  nebeneinander auf je eine speziallie­ge geschnallt und auf bioelektrochemischem wege kopuliert so dass der linke die rolle des linken und der rechte die rolle des rechten auges übernimmt nun sind beide zum gemeinsamen 3-d-erlebnis befähigt das gedicht ist an der decke des saales angebracht mit gutem grund die tiefenwirkung ist nämlich so perfekt dass alle hinter dem gedicht befindliche d h außerlite­rarische umwelt von der plastizität des gedichtes ok­kupiert verdrängt expulsiert mit einem wort in arge mitleidenschaft gezogen wird und zwar je nachdem welche tiefen die besichtiger gerade durchmesssen zur schonung des weichbildes von upsala und der angren­zenden wasser- und ländereien unseres globus wurde also die erwähnte vertikallösung mit dem deckentext gefunden der luftsektor über dem seitentrakt des na­tionalmuseums ist selbstredend für passagierflüge bal­lonfahrten und bemannte raumexpeditionen gesperrt dennoch machen sich die zugegeben seltenen besichti­gungen weithin bemerkbar zugvögel ändern schreiend den kurs in ziehenden wolkendecken zeigt sich oft unter schnee- und blitzablaß ein stehendes loch magnetstürme nordlichtkonvulsionen mondfinsternis  oder perturbierte sonnentätigkeit sind im gefolge an­dererseits erwies sich das anschnallen der besichtiger praktisch als reine vernunft einmal hatte der lyrische sog den schlampig befestigten linken beobachter mit sich gerissen und verschwunden blieb er während sein nebenmann zwar auf der stelle wieder plattsichtig wurde doch mit dem schrecken davonkam der text des dreidimensionalen gedichtes ist eine kurzfassung grimmelshausenscher fragmente im aleatorischen volkston
                                              GG S.58 4

              

Ähnlich geht es mir ja auch z.b. mit dem darum-sorum / sorum-quorum-blatt schwarz weiß aus münster, auf dem ein „traumstock" mit geöltem blitz d.h. mit „gölber kuh als aquaröll" zu sehen ist: wie andererseits (auf einem anderen blatt) bereits in der ersten zeile des gedichtes der es dichtende dichter sich ein geschlechtsorgan vorstellt –

in der ersten zeile stellt sich der dichter ein geschlechts- organ vor in der zweiten zeile stellt sich der dichter kein geschlechtsorgan vor in der dritten zeile stellt sich der dichter vor wie der leser sich ein geschlechtsorgan vorstellt in der vierten zeile stellt sich der leser vor wie sich ein geschlechtsorgan den dich­ter vorstellt in der fünften zeile stellt sich ein geschlechtsorgan vor wie sich der leser kein geschlechtsorgan vorstellt in der sechsten zeile stellt sich der dichter vor wie sich der dichter keinen dichter vorstellt in der siebenten zeile stellt sich kein leser ein geschlechtsorgan vor in der achten zeile stellt sich kein geschlechtsorgan vor wie sich kein geschlechtsorgan ein geschlechtsorgan vor­stellt in der neunten zeile stellt sich kein dichter ein geschlechtsorgan vor in der zehnten Zeile stellt ein geschlecht sich ein organ vor das gedicht ist nicht pornographisch und bezieht seinen reiz aus dem titel NOVEMBER
                                              GG 16 5

Mir allerdings sind ende januar, „morgen ist auch noch ein tag", die landung ist beendet, der vorstellung sind keine grenzen gesetzt – wie gesagt, klopfgeräusche, eine art introspektion, und dort

Im pop seiens gedicht wird der blumentopf hinter der fahnenstange sichtbar wenn man das gedicht schief  hält hierauf zerstampft man das gedicht in einem mörser und sagt wenn man den mörser ausleert ah lauter kleine fahnenstangen hinter lauter kleinen blu­mentöpfen auf lauter schief gehaltenen gedichtchen oh wie erregend hollografesk 
                                                   GG 716

 

während in der ersten Zeile DAS HÜNDCHEN seinem herrn beim
ertrinken beisteht ist in der zweiten zeile keine rettung mehr möglich in der dritten zeile wächst die verzweiflung während schon hilfe in der vierten zeile naht das gedicht veranschaulicht
DIE TREUE während sein titel SCHON zeitloses deutet
                                  GG 68 7

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[1] Abschrift des von Oskar Pastior erhaltenen Manuskripts  (H.M.)
[2] handschriftlicher Einschub von Oskar Pastior
[3] handschriftlicher Verweis auf:  Oskar Pastior „GedichtGedichte“, 
      Wilhelm Heyne Verlag, München 1982, S. 78
[4] a.a.O.  S. 58
[5] a.a.O.  S. 16
[6] a.a.O.  S. 71
[7] a.a.O.  S. 68  


Anhang
Titel der ausgestellten Bilder, auf die Oskar Pastior in seiner Lesung Bezug nahm
Ausstellung  Galli „Arbeiten auf Papier - Plastische Collagen“, 
Galerie Meinhold, Berlin, 15.11.2002-24.1.2003

 „Gelbes Küchenbild“ o.T. (Fratta)
„Hocker“
„Mit Eutern o.T.“ Küche von Fratta
„Polyphem“ (St. Michaelistag)
„Brasilianischer Hochbarock“
„Pizza o.T. v. 3.5.1943“
„vom Recht auf Verkommenheit“ o.T (mit Obsttüte)
„Ganz besonders schönes Blatt o.T.“
„Das Sorum oder Sorum Blatt aus Münster“ Schwarz-weiss
„o.T. Traumstock“
„Grosses Blatt mit gölber Kuh“ (Aquaröll)
„Morgen ist auch noch ein Tag“
„Die Landung ist beendet“
„Eurer Vorstellung sind keine Grenzen gesetzt“ (mit Eichenblatt + Blockseminar)
„Klopfgeräusche / Inspektion“
                                                    
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