Galerie Meinhold & Reucker                                    
                                                                                                                                                 Ausstellung Hasse 2004
  

Harald Meinhold  
Moritz Hasse "Kreuzberg bis Williamsburg" - Malerei
Einführung zur Ausstellungseröffnung am 23. April 2004
Galerie MEINHOLD & REUCKER  Berlin

  Die Autos von Moritz Hasse parken wieder in der Giesebrechtstraße 2.  Seine Straßenbilder und Stadtlandschaften waren in der ersten Ausstellung seiner Arbeiten im Sommer 2002 gefragte Objekte der Begierde und ich freue mich, dass wir nach knapp zwei Jahren den Maler und seine neuen Bilder erneut hier in der Galerie begrüßen können.
  Die rasenden Schafe, so wurden die Skulpturen von Stephan Voigtländer in einem Artikel der "Welt" zu unserer letzten Ausstellung überschrieben, haben die Galerie vorgestern verlassen und wurden durch etwas weniger Tierisches, durch Objekte, durch Bilder der Großstadt ersetzt, wobei sich die Groß­stadt bei Hasse nicht unbedingt mit Hektik und Stress präsentiert, sondern durchaus auch ruhige Ecken hat und stille Tage kennt (die gibt es nicht nur in Clichy).
  Die Ausstellung vor zwei Jahren hatte den Titel "East Village - Taganskaja" und bewegte sich in ihren Stadtbild-Motiven zwischen New York und Moskau. Die heute zu eröffnende Bilder-Schau haben wir unter die Überschrift "Kreuzberg bis Williamsburg" gestellt. In Kreuzberg / Berlin in der Hagelberger Straße hat Moritz Hasse seit kurzem sein Atelier und in Williamsburg, einem New Yorker Stadtviertel, ist er während eines mehrmonatigen Arbeitsaufenthaltes mit dem Blick des Malers durch die Straßen gezogen und hat die Motive für seine Ölleinwände gesammelt. Um eine Verbindung zu der Ausstellung hier bei uns vor zwei Jahren herzustellen haben wir auch zwei Moskau-Bilder von Moritz Hasse aus dem Jahr 2002 in die jetzige Ausstellung übernommen. Deren Motive stammen aus seiner Zeit, als er Stipendiat an der Moskauer Surikow-Hochschule für Bildende Künste war. Die Bilder aus Moskau unterscheiden sich in ihrer Schwarz-Weiß-Atmosphäre unverkennbar von den farbigeren Berlin- oder New York-Motiven.
  Bevor ich etwas ausführlicher auf das gedankliche Konzept, auf die Philosophie Hasses zu seiner Malerei eingehe, noch ein paar Informationen zur Vita des Künstlers für alle, die vor zwei Jahren nicht hier waren, oder vielleicht unseren Einladungsbrief zur heutigen Ausstellung nur überflogen haben.
  Moritz Hasse wurde 1972 in Bremen geboren, begann sein Kunststudium in Kiel an der Muthesius-Fachhochschule für Gestaltung und kam 1995 an die Hochschule der Künste in Berlin, wo er zunächst bei Dietmar Lemcke studierte, seinen Meisterschüler-Abschluss dann 1999 bei Henning Kürschner machte. Gegen Ende seines Studiums war Hasse als Stipendiat für mehrere Monate sowohl in Moskau, später in New York, wo er in Williamsburg lebte und an der New York School of Drawing, Painting and Sculpture arbeitete.  - Seine letzte Einzelausstellung endete vor wenigen Wochen in Würzburg, wo man in der Würzburger Residenz seine Stadtlandschaften mit dem Auge begehen konnte.
  Jetzt kommen wir zum Wichtigsten, zu den Bildern, die hier an den Wänden hängen. Was ist das Besondere an seinen Bildern? Was macht den ganz speziellen Reiz der Malerei Hasses aus? Man muss beim Betrachten seiner Bilder keine großen theoretischen Anstrengungen unternehmen oder lange Texte lesen, um das Dargestellte zu verstehen, wie das z. B. bei vielen Exponaten der gerade beendeten "3. Berlin-Biennale für zeitgenössische Kunst" der Fall  war. Die Bilder Hasses wirken sofort. In ihrer alltäglichen Präsenz wirken sie vertraut. Man fragt sich: Welche Stadt wird gezeigt?  Habe ich das nicht schon selber gesehen? Trotzdem ist das Vertraute verfremdet und beschäftigt die Fantasie. Beim Betrachter entsteht ein Spiel um Erinnerungen. Häufig sind es Kleinigkeiten,  die  nicht  unbedingt  im Mittelpunkt  des Bildes stehen, die das Charakteristische einer Stadt wiedergeben: die Höhe der Häuser, eine Bordsteinkante, parkenden Autos an dieser Bordsteinkante, der Zebrastreifen im Vordergrund  und natürlich das Licht dieser Stadt. Durch die undeutliche, verschwommene Darstellung der Malerei verstärkt sich der Charakter einer Erinnerung. Hasses Bilder zeigen das Profil und das Atmosphärische einer Stadt im Unbedeutenden. 

  Für Moritz Hasse hat seine Arbeit grundsätzlich zwei Seiten. Er sagt: "Ich fotografiere - und mache Malerei, die sich aus den Fotos entwickelt." Dabei ist er auf der Suche nach einem Bildtypus, der bewusst einem von Film und Fotografie geprägten Blick folgt und ganz allgemein Situationen wiedergibt, wie sie für unsere Alltagswelt typisch sind.
  Die Fotografie benutzt er als Konvention, als Sprache unserer Zeit, um Ausschnitte von Wirklichkeit einzufangen. Allerdings ist die Fotografie für ihn kein Mittel für eine möglichst effektvolle Malerei, sondern nach seinen Worten ist es eher umgekehrt: die Malerei schlüpft in die Gestalt der Fotografie und spricht wie eine innere Stimme das aus, was die Fotografie als letztendlich technisches Medium nicht erfüllen kann und auch nicht erfüllen muss, nämlich: die subjektive Interpretation der über das Kameraobjektiv festgehaltenen Abbildung und ihre Verwandlung zu einem gemalten Bild durch den Künstler. Die Ölbilder einer New Yorker oder Berliner Straße des Malers Hasse sind etwas anderes als die Abbilder, die die Fotografie zunächst liefert,  obwohl - und darauf legt Hasse Wert - den gemalten Bildern der fotografische Blick weiterhin innewohnt. -

  Malerei diente über die Jahrhunderte als Mittel zum Zweck der Bildherstellung. Ihre Eigenwilligkeiten: neben- und übereinander gesetzte Farben, Lichtführung, die Dynamik des Pinselstrichs und vieles mehr werden schließlich selber Ausdrucksmittel. Heute in Zeiten ganz anderer Bildherstellung sind diese Mittel übrig geblieben wie eine unüblich gewordene Sprache. Sie sind Teil des kulturellen Gedächtnisses und sprechen zu uns, auch wenn wir sie kaum noch gebrauchen.
 
In diesem Kontext sieht der Künstler Moritz Hasse seine Arbeit und wir, die Betrachter, die visuellen Konsumenten seiner Kunst, freuen uns über die sinnliche Ausstrahlungskraft und jugendliche Frische des vergleichsweise alten Mediums Malerei.

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